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ANDALANANGA - Texte über die man nicht sprechen mag... Wortschwallstille
 
Immer seltener erlebe ich, dass hinter den Windschutzscheiben der Autos Berechtigungskarten liegen, wenn sie auf Behindertenparkplätzen stehen. Sehe ich dann einen Fahrer mit Ausweis, der frisch und voller Elan aus seinem Wagen springt und zu seinem Einkauf hechtet, so überlege ich mir, wie das wohl sein kann. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht verstehen kann, die so offensichtlich sind. Denke ich dann an all jene Dinge, die nicht so offensichtlich sind, dann schäme ich mich manchmal sogar, selbst eine Mensch zu sein.

 

Heinrich...
(© Alexander Rossa 2010)


Feines Ebenholz in der protzigen Limousine vor der Tür.
Ein letztes Bier wird geleert.
Heinrich hat es nicht weit zu dem Behindertenparkplatz.
Den Ausweis hat er sich von einem Freund besorgt.
Sein Freund schuldete ihm etwas.
Es fällt Heinrich schwer, sich zu erheben.
Doch schwerer fällt es ihm, seine Zeche zu zahlen
Am schwersten jedoch ist es für ihn, ein Trinkgeld zu geben.
Noch schnell auf der Toilette will er sich erleichtern.
Er findet sein runzeliges Pimmelchen nicht sogleich.
Als er den silbernen Knopf zur Spülung drückt, da sieht er das Übel.
Er hatte nicht darauf geachtet, hat wirklich alles daneben gepinkelt.
Ein gelbes Rinnsal ziert nun den kargen Raum und bahnt sich seinen Weg.
Heinrich will nun rascher gehen.
Natürlich will er das!
Es könnte jemand kommen.
Er hastet vorbei an den Waschbecken und der Theke, rasch hinaus, zu seiner Limousine.
Seine Hände wäscht er selten, eher nie.
Das gibt immer solche kleinen Flecken im Hemd.
Es macht ihn an, den Damen dann die Hand zu geben.
So ist Heinrich eben.
Er steht auf die Frauen.
Jung und knackig müssen sie sein.
Nur noch schnell in den Kofferraum will er sehen, nach dem neuen Teppich.
Er ist handgeknüpft, von vielen, kleinen Kinderhänden sorgfältig gehegt und gepflegt.
Nun wartet das Prachtstück nur noch auf John.
Der kleine, fette Terrier John, schon bald wird er seine Haare darauf kotzen.
Es ist schon mühsam für Heinrich, sich hinter das Steuer zu schieben.
Er furzt hinein in den warmen Sitz und ist erleichtert.
Furzen ist ein Wort, das er liebt.
Es ist Wohlklang in seinen Ohren und verspricht Erleichterung.
Der Motor startet smart und brummt leise.
Schon ist er auf der Strasse.
Es geht ihm nicht so wirklich gut.
Ein Bier war wohl zuviel.
Die Lüftung rauscht laut.
Jene Welt hinter den getönten Scheiben, sie sieht unwirklich aus.
Heinrich gibt ordentlich Gas.
Er will zu seiner Frau in den Garten, hinter dem Bungalow.
Sie hat den Garten erst ganz neu anlegen lassen.
Grillen will sie heute dort.
Ein paar Freunde werden kommen.
Spät ist er dran, der Heinrich, und das weiß er nur zu gut.
Nervös gibt er Gas und hält nicht bei allen gelben Ampeln.
Das wird schon passen. Drecksampeln.
Immer wieder hupt er und schüttelt den Kopf.
Wie können die Leute nur ewig auf der linken Seite fahren?
Den Weg versperren sie all jene, die es eilig haben.
Heinrich hat es eilig heute, und er hat das passende Auto dazu.
Diese Biere, sie reiben heftig am Gedärm.
Immer wieder muß er Furzen, in den edlen Stoff hinein.
Dann ist die Kreuzung vor ihm endlich frei.
Er gibt Gas.
Dann plötzlich ein Schatten, ein Huschen, ein dumpfer Aufschlag.
Heinrich bremst, sieht in den Rückspiegel.
Er hat etwas erwischt.
Auf der Strasse hinter ihm, dort liegt ein kleines Mädchen.
Ihre Tasche wurde durch die Wucht weit weg geschleudert.
Sie liegt auf der anderen Straßenseite und alles ist herausgefallen.
Bunte Glitzeraufkleber liegen weit verstreut.
Das Mädchen regt sich nicht.
Es liegt ganz verdreht, einfach nur da.
Ein leichter Windzug spielt mit ihren Haaren.
Fast so, als wolle er sie animieren, doch wieder aufzustehen.
Heinrich bekommt plötzlich Angst und gibt wieder Gas.
Die Reifen quietschen einmal auf, und schon braust er davon.
Das Mädchen ist nicht mehr zu sehen.
Heinrich hat es nun nicht sehr weit.
Sofort will er den Wagen in die Garage stellen.
Er will schauen, was er machen kann
Was ist kaputt gegangen?
Heinrich ist wütend.
Den Schaden am Wagen, er wird ihn selbst zahlen müssen.
Er muss ihn zahlen, um nicht entdeckt zu werden.
Klasse, das Grillen ist bereits ein verdorben.
Dann ist er auch schon da.
Heinrich will das Garagentor öffnen.
Er findet den Schlüssel nicht sogleich.
An ihm hängt die Fernbedienung.
Er flucht.
Mit verschwitztem Gesicht dreht er den Wagen.
Er fährt zurück zur Kneipe, nimmt aber einen Umweg in Kauf.
Er will nicht mehr an dem Mädchen vorbei.
Er ist nicht dumm.
Nein, das ist er nicht.
Weit hat er es gebracht, da wird er mit so einer Kleinigkeit schon fertig.
Die Göre hätte ja auch aufpassen können.
Der Behindertenparkplatz ist noch frei, wie günstig.
Mühsam zwängt er sich aus der Limousine
Er bleibt fast mit einem Knopf hängen.
Knurrend nimmt er den verbeulten Kotflügel wahr.
Er öffnet die Tür und sieht die junge Wirtin am Tresen stehen.
Sie spricht mit zwei Polizisten, als sie ihn bemerkt.
Heinrich ahnt, um was es geht und will sich umdrehen.
Die Wirtin zeigt mit dem Finger auf ihn.
Sie ruft irgendetwas.
Er beeilt sich, öffnet rasch den Wagen.
Doch die Polizei, sie ist schneller und steht schon hinter ihm.
Sie fragen ihn, ob er wohl wisse, was sie von ihm wolle?
Heinrich nickt nur, setzt schon zur Verteidigung an.
Doch einer der Polizisten redet plötzlich von der Toilette.
Die Wirtin hatte ihn angezeigt, weil er daneben gepinkelt hatte.
Heinrich entschuldigt sich knurrend und wird ermahnt.
Er kann sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen.
Sie sehen den Behindertenausweis im Fenster des Wagens.
Der Stempel ist gut zu erkennen.
Sie lassen von ihm ab.
Er ist behindert, wie schlimm.
Das ist ganz offensichtlich.
Er soll sich mit der Wirtin einigen.
Dann wäre die Sache erledigt.
Gleich willigt Heinrich ein.
Er holt schnell seinen Schlüssel mit der Fernbedienung.
Dann setzt er sich wieder in sein Auto.
Alles ist gut, so denkt er sich.
Aber zum Grillen werde ich zu spät kommen.
Dann spürt er wieder das gärende Bier und furzt.



© Alexander Rossa 2010


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