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ANDALANANGA - Texte über die man nicht sprechen mag... Der Sommerhof
 
Einfach in eine andere Richtung schauen, das Fenster schliessen oder den Fernseher lauter drehen, alles dass zieht uns bei dem Geschehen von Unrecht und Gewalt in den Kreis des Mitschuldigen. In diesem Augenblick sind wir keinesfalls besser als jene, die zum Schlag ausholen...

 

Der Sommerhof...
(© Alexander Rossa 2010)


Die Luft ist herrlich warm, und es ist überhaupt nicht schwül.
Die Spannung des Tages scheint verflogen.
Es ist eine wunderbare Sommernacht.
Irgendwo hört man das Zirpen einer Grille, und aus vielen geöffneten Fenstern dringen leise Fernsehgeräusche.
Alles ist so friedlich an diesem lauen Sommerabend.
Es ist einer dieser seltenen Abende, an dem man einfach nur eine schöne Frau küssen möchte. Man sehnt sich nach weichen, sinnliche Lippen und einem Hauch feinen Parfüms, ohne das man genau weiß, warum das eigentlich so ist. Es ist wohl nur das reine Lebensgefühl, die Freude über einen wundervollen Abend, die diesen sinnlichen Wunsch ganz plötzlich und unerwartet in mir entfacht.
Ich lehne mich zurück, ziehe meinen altmodischen Krempenhut ein wenig ins das Gesicht und denke über die verschiedensten Dinge nach, deren gemeinsamer Nenner stets nur mein Urlaub ist, der gerade begonnen hat. Niemand hat ihn mehr verdient, diesen kleinen Urlaub, als ich. Dieser Abend möge niemals enden, so mein Gedanke, nachdem ich meine Augen schliesse.
Doch dann wird es plötzlich laut.
Wie Peitschenhiebe, so hallen die Worte durch die Nacht.
Ich schrecke auf.
Harte Schritte hallen durch den Hof.
Ein junger Mann rennt schwitzend an mir vorbei.
Ungläubig und erschrocken sehe ich ihn an.
Seine Hautfarbe ist schwarz, und Schweißtropfen perlen ihm durch das Gesicht.
Er blickt sich ruckartig um, sieht mich an.
Die Angst in seinen Augen krallt sich an mir fest.
Das Flehen in seinem Gesicht, es droht, mich brutal aus meiner schäbigen Sommerliege zu werfen.
Ich stehe sogleich auf, schwanke etwas unsicher.
Das Herz schlägt mir hoch, bis in den Hals.
Es muß wohl etwas Schlimmes geschehen sein, dass ist mir sofort klar.
Plötzlich liegt eine knisternde Spannung in der Luft, elektrisierend und reichlich unangenehm.
Dann höre ich wieder harte Schritte im Hof.
Es sind viele Schritte, ein wildes Trappeln.
Der junge Mann hört sie auch, versteckt sich hinter mir, beginnt zu flehen und zu weinen.
Ich bin jetzt hellwach.
Dann sehe ich drei kräftige Männer und eine Frau in der Einfahrt auftauchen.
Sie schreien uns sofort an, beschimpfen uns ohne Vorwarnung, kommen dabei rasch näher.
Ich sage nichts, kann einfach nichts sagen, habe nur noch Angst.
Blitzschnell umkreisen die vier Leute uns und werden immer lauter.
Das Kreischen und Schreien im Hof, niemanden scheint es zu stören.
Die Fenster sind auf, keiner sieht hinaus.
Dann plötzlich schlägt einer der Männer zu.
Erst den Jungen, dann mich, mit unerwarteter Härte.
Ich versuche den Jungen zu decken, doch die Frau tritt mir gegen das Schienbein.
Der Schmerz ist unbeschreiblich.
Sogleich gehe ich zu Boden und fluche.
Die anderen fallen nun über den Jungen her.
Sie treten ihn, schlagen ihn und schreien ihn an.
Ich versuche aufzustehen und will dazwischen zu gehen.
Doch wieder werde ich getreten.
Dann bekomme ich einen dumpfen Schlag in die Nieren, ein Schmerz, der mich fast ohnmächtig werden lässt. Der Junge schreit verzweifelt um Hilfe.
Ich höre es, kann nichts tun.
Er blutet aus der Nase und dem Mund.
Auf Knien flehe ich die Gruppe an, doch von uns abzulassen.
Doch sie lachen nur, schneiden Grimassen, und immer wieder schlagen sie auf uns ein.
Erst als der Junge sich nicht mehr rührt, werden sie nervös und blicken sich hektisch um.
Es folgen noch weitere Tritte, ein paar Schläge gegen meinen Kopf, die ich kaum noch spüren kann.
Dann verschwinden sie, und alles ist so schnell wieder vorbei, wie es gekommen war.
Wir liegen auf dem Boden, beide gekrümmt, vor lauter Schmerzen.
Der Junge stöhnt.
Alles ist wieder ganz ruhig.
Nur die Fernseher in den Wohnzimmern sind noch zu hören.
Alles ist fast so friedlich, wie zuvor, nur die kleine Grille ist verstummt.
Nach einer Weile versuche ich aufzustehen, langsam zu dem Jungen zu rutschen.
Mir tut alles weh, habe im Mund den Geschmack von Blut.
Er bewegt sich ein wenig, versucht sich stöhnend aufzusetzen.
Hustend versuche ich um Hilfe zu rufen.
Doch nur ein leises Krächzen dringt aus meiner Kehle.
Dann blickt ein kleiner Junge aus der Toreinfahr, hinein in den Hof, ganz schüchtern und vorsichtig und sieht uns beide stöhnend auf dem Boden liegen.
Er kommt interessiert auf uns zu, ist neugierig und fragt, ob es uns nicht gut geht.
Eine Schirmmütze trägt er auf dem Kopf und in seiner Hand trägt er einen Lederball.
Immer wieder lässt er den Ball auf den Boden prallen, während er gierig an seinem Lutscher im Mund nuckelt.
Ich sage ihm mit zitternder Stimme, dass er ganz schnell Hilfe holen soll und versuche mir ein Lächeln heraus zu quälen.
Er blickt sich um, schüttelt nur mit dem Kopf und verschwindet wieder in der Toreinfahrt.
Dort hört man seinen Ball immer wieder schallend auf den Boden prallen.
Ich versuche mich von meinen Schmerzen abzulenken.
Jede Bewegung ist die Hölle. Es fällt mir schwer Luft zu bekommen.
Dem Jungen geht es nicht besser.
Die schöne Frau, jene mit den weichen Lippen, sie kommt mir in den Kopf.
Es ist schon seltsam, doch ist sie mir egal.
Ihr feines Parfüm in meinem Kopf, es ist verflogen.
Ein Mann erscheint an einem der geöffneten Fenster und blickt hinaus.
Ich kann ihn gut sehen, liege direkt unter seinem Fenster.
"Hoffentlich ist bald Ruhe hier!"



© Alexander Rossa 2010


Weltenfeuer - Patricia und die Druiden des Todes