Wortschwallstille Nebelgebirge Krasskonkret Weissheiten Fleischmütze Impressum Sachet ruich!
Sommerhof Juttas Brief Heinrich Zerbrochen Über ein Kind Sie und sie Sheila
ANDALANANGA - Texte über die man nicht sprechen mag...

Weissheiten und andere Krisentexte

Wie Schnee so weiss, so sollte das Gewissen der Menschen sein. Gewissen, was für ein seltsames Ding in uns, nicht fassbar und doch so prägend für unser Leben. Die ohne Gewissen, sind es jene, die unsere Welt in ihren Händen halten, all denen entrissen, die ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Gewissen schenken? Unsere Welt scheint in den Händen von Gewissenlosen zu liegen. Wen wundert es da, dass friedliche Mönche gemetzelt, Atomwaffen entwickelt und Babys in Plastiktüten ersticken?

Ethischen und moralischen Grundsätzen soll entsprochen werden, damit man sich gut fühlt. Es scheint fast purer Egoismus zu sein, nach völliger Gewissenhaftigkeit zu streben, nur um sich gut fühlen zu können, während gewissenlose Menschen ihre Energie dafür einsetzen, die Welt nach ihren Kriterien und Wünschen zu formen. Kann man diesen Egoismus mit seinem Gewissen vereinbaren? Ich hege den Verdacht, dass eine übertriebene Gewissenhaftigkeit nur ein Werkzeug für unsere Bequemlichkeit geworden ist.

Wenn Gewissenhaftigkeit so exzessiv kultiviert wurde, dass sie unser Handeln bleiern werden lässt, während gewissenlose Menschen die Zeit sinnvoller für sich nutzen, dann sieht es offenbar schlecht für eine Gesellschaft aus. Gerade auch in diesem Land, mit seiner nicht gerade rühmenswerten Geschichte, sehe ich eine solche Entwicklung. Während sich die Welt in immer wieder neue Krisen dreht, gewissenlose Menschen ihre Macht weiter ausbauen, wird bei uns diskutiert, debattiert, dementiert und paralysiert, bis die Krise an uns vorüber gezogen, eskaliert und die Macht in den Händen Skrupelloser liegt.

Wo ist das deutsche Selbstvertrauen geblieben? Ist unsere Gesellschaft heute wirklich so sehr mit sich selbst und seinem hochstilisierten Gewissen beschäftigt, dass sie nicht mehr adäquat handeln kann? Der Verdacht liegt nahe. Die Gewissenlosen sind stets schneller als wir, in unserem Land und weltweit. Nur, dass wir uns richtig verstehen. Ein Gewissen zu haben ist sinnvoll und gut, es jedoch exzessiv und götzenartig zu pflegen, vernichtet das gesellschaftliche Selbstvertrauen und lähmt jegliches Handeln.


Weissheiten - Alles klar, oder was?!


Was haben wir getan?
(© Alexander Rossa 2010)


Der Hauch des Todes fegt über die trostlose Ebene.
Bleiern und kraftlos, im Schatten der verzweifelten Schreie, folgt er dem Leben, wie ein Trauerzug mit gesenktem Haupt.
Vertrocknete Halme, vereinzelt den staubigen Boden durchlöchernd, sie zittern erbärmlich. Kleine Feuer flackern weit verteilt, knisternd die Glut, die blutende Erde endlich zu trocknen. Mattes Licht überall, die Sonne verborgen hinter dichten Schleiern der Verzweiflung. Dort picken Krähen in der Ferne an verkohlten Fetzen.
Endlose Ödnis, das Auge zu entzünden, bittere Tragik für den gelähmten Geist. Schroffer Boden kratzt unter nacktem Knie. Das Gesicht verstaubt, zerfurcht durch schmutzige Täler vertrockneter Tränen. Gedankenlos, ein starrer Blick in die karge Ferne, das Feuer im Herzen erloschen. Gebrochen der Wille zu leben, wartend, ausharrend, auf den erlösenden Tod. Einsamkeit und Verzweiflung schaben an der Seele, gnadenlos und gierig. Doch ohne Gespür ist er, kniend vor sich selbst. Taub und ohne jegliche Regung ist er inmitten der spröden Trostlosigkeit, den leblosen Blick in die zerschundene Ferne gerichtet, suchend nach dem frischen Grün der Vergangenheit.
Vergeblich.
Kein Halm regt sich. Keine Blume duftet. Kein Vogel singt, nah, wie fern.
Kein Kinderlachen hallt.
Duftende Aue ist dem beissenden Geruch der Vergänglichkeit gewichen.
Jeder Lidschlag wird zur brennenden Qual. Erinnerungen scheinen zu verblassen. Langsam, doch beständig, ohne Gnade. Die Hitze brennender Körper, alle Seelenfarben lassen sie auf ewig ergrauen. Kein Tränenmeer vermag sie zu löschen, keine noch so wallende Hoffnung sie ersticken, die Feuer. Die flackernden Zeugen, überall.
Auf den finsteren Tag, folgt die schwarze Nacht.
Eine vergangene Welt dreht sich vom Schmerz, in die Verzweiflung hinein.
Zitternde Beinchen schaukeln zwischen verkohlten Stümpfen. Ein sterbendes Rehkind, so zart, so empfindsam, schleppt kümmerliche Reste der Zukunft auf dem kleinen Rücken. Die Mutter im Glühen verloren, so legt es sich ab, um kraftlos zu sterben. Saure Lebenstropfen überall, sie lassen weisse Ascheflöckchen emsig tanzen, zu längst verstummter Musik.
Rauchschwaden verschlingen sich über den Feuern zu bizarren Gebilden. Lassen einen Walzer der Vernichtung vermuten, in einem Ballhaus der Hölle. So bläst ihm der Tod seinen stinkenden Atem in das vertrocknete Gesicht. Der Hauch des Todes fegt über die trostlose Ebene.

 



Mensch, was haben wir getan?












Zerbrochen - Die Liebe entwichen


Zerbrochen - Sterben eines Wunders
 
Zerbrochen
(© Alexander Rossa 2010)


Ich habe für uns gekocht.
Der Tisch ist gedeckt, und das Essen steht dampfend auf dem Tisch.
Ein schöner Abend, laue Sommerbrise und zappelnde Kerzenflammen.
Überraschen will ich Dich.
Freue mich schon den ganzen Tag.
Doch die Freude weicht der Verzweiflung.
Deine Worte tun mir weh.
Ganz unerwartet.
Ich spüre, wie sie brutal an dem Gewebe in mir reissen.
Warum tust du das?
Was hast Du davon?
Ich liebe Dich doch.
Es bereitet Dir Freude, mich leiden zu sehen.
Ein Schmerz aus weiter Tiefe raubt meinen Atem.
So endlos enttäuscht bin ich von Dir.
Mein Vertrauen, meine Hoffnung in Dich, alles zerrüttet.
Deine Worte durchtrennen alle Bilder in meinem Kopf.
Bilder von Dir, die Du wahllos mit Deinen Worten zerfetzt.
Worthülsen jagen durch meine Gedanken, als wären sie heisse Pfeilspitzen.
Sie sind scharf und glühend, lassen mich zusammenzucken.
Ich mag mich nicht wehren, bin schwach.
Sinnlos ein Kampf, bei dem es nur Verlierer gibt.
Deine Worte peitschen mich aus, durchbohren mich.
So treibst Du sie in mich hinein, Buchstabe für Buchstabe.
Flösst mir Deine Gedanken ein, als wären sie feiges Gift.
Du bist blind vor lauter Gier nach Schmerz und Demütigung.
Ich bin verletzt, blute meine Gefühle in die laue Nacht.
Wie ein wildes Tier wittern Deine Fragen an mir herum.
Suchen und scharren nach schutzlosen Emotionen.
Tränen sind der Rauch meines schmerzenden Feuers.
Sie rinnen durch mein Gesicht Dir entgegen,
ein letztes entsandtes Flehen.
Doch sind sie Dir nur Bezahlung für übles Vandalentum.
Die Tränen im Kanossa Deiner endlosen Wut,
sie versiegen ungehört.
In tiefster Demut liegen sie Dir zu Füßen.
Sie wollen die verschollene Prinzessin in Dir befreien, die sterbende Liebe.
Doch Deine harte Hand in meinem Gesicht,
sie läßt meine Seele erschüttern.

Du hast es getan!

Fauchendes Reißen an meinen Wangen.
Verzweiflung in meiner Brust und atemlose Leere im Raum.
Ich schmecke Blut in meinem Mund.
Dann, ein unglaublicher Schlag in den Magen.
Den Schmerz spüre ich kaum, wohl aber ein Universum,
es bricht knirschend zusammen.
Schwindel, Erschütterung und so unendlich qualvolle Leere.
Harter Boden unter meinen Knien.
Meine Hände im Gesicht, zwischen kalten Fliesen und tränensalzigem Blut.
Ein erneuter Schlag wirbelt mich herum.
Ich pralle hart gegen die Mauer.
Bellender Schmerz im Rücken, im Gesicht, in meiner Seele.
Dann ein lautes Krachen der Tür.
Du bist fort.
Ich bin da.
"Ich liebe Dich doch..."
Scherben überall,
in denen ich liege.
Verzweifelte Leere hinter roten Meeren.
Schmerzen jagen meine Trauer in die Enge.
Auf dem Tisch steht das dampfende Essen.
Der Abend ist noch immer lau.
Die Kerzen auf dem Tisch sind erloschen.
Rauchfahnen ziehen nach oben.
"Ich liebe Dich doch."







Am Fluss
(© Alexander Rossa 2010)


Der Fluß ist um diese Jahreszeit einfach am schönsten. Es ist ganz früher Morgen. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, und der Herbst lässt geheimnisvolle Nebelschwaden über dem Wasser schweben. Es ist sehr frisch an diesem Morgen, und der Fluss fliesst ganz gemächlich, fast erhaben, in seinem alten Bett in Richtung Mündung. Keine Menschenseele scheint an diesem Morgen an dem Fluß.
Es ist Sonntag, und alle schlafen noch. Ich jedoch, ich sitze hier, ganz alleine, am dunklen Fluß auf einem Stein und blicke über das fliessende Wasser. Schlafen konnte ich fast die ganze Nacht nicht, da heute ein wichtiger Tag für mich ist. Vielleicht ist dieser Sonntag der wichtigste Tag in meinem ganzen Leben. Verständlich ist es da doch nur, dass man etwas aufgeregt ist und hier am Fluss nach etwas Zerstreuung sucht. Und ich habe noch genügend Zeit.

Ich lausche dem leisen Plätschern der kleinen Wellen zwischen den Ufersteinen. Mich fröstelt es ein wenig. Dann höre ich auf das leise Rascheln hinter mir, blicke mich aber nicht um, da ich meine, es sei eine Ratte, die nach Nahrung sucht. Ratten gibt es hier eine ganze Menge am Fluss. Das ist wohl überall an den Flüssen so. Es ist sehr schade, dass ich hier alleine sitzen muss. Früher sass ich hier mit meiner Frau.
Doch seid sie tot ist und die Kinder aus dem Haus, bin ich eigentlich immer ganz alleine, hier und überall. Und dabei fällt es mir so schwer, ganz alleine zu sein. Nicht, dass ich einsam wäre. Es sind immer eine ganze Menge Menschen um mich herum. Sie reden mit mir und auch recht viel, manchmal auch ein wenig zu viel. Aber das ist schon etwas anderes. Diese Menschen interessieren sich nicht richtig für mich. Man braucht eben doch schon einen Menschen für das Herz. Das ist eben so und scheint auch zum Konzept zu gehören.

Am anderen Flussufer fährt ein Güterzug und zerreisst die Stille am Fluß mit seinem Gepolter. Ich bekomme immer Fernweh, wenn ich so einen Zug höre. Gerne hätte ich noch mehr von der Welt gesehen.
Doch ich glaube inzwischen, dass dies sicherlich nicht so schön sein muss, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Die Welt ist nicht so schön, wie man sie sich ersehnt. Sie ist vielmehr emotionslos und kalt, fast eine Hölle. Widerlich sind die Menschen geworden, wie sie nur noch Macht und Geld gieren. Es geht nur noch um den Einzelnen, und niemand hat mehr ein Auge für die Schönheit des Gesamten. Überall nur noch Krieg, Zerstörung und Raffgier. Unsere Welt wird immer farbloser, und unsere Natur stirbt langsam an unserer Seite. Keinen interessiert das wirklich. Dabei sollte es.

Dann schrecke ich hoch. Ich sehe im Fluss etwas schwimmen. Es ist noch immer sehr dunkel und der feine Nebel über dem Wasser erschwert die Sicht. Nervös greife ich an die Seite. Sie ist noch da, gut. Beruhigt blicke ich wieder auf den Fluss. Was ist das da? Ein helles Bündel "Irgendwas" schwimmt nahe an mein Ufer heran. Ich hocke mich auf, versuche es zu greifen. Nach einigen Versuche kann ich fest nach dem kalten Bündel fassen. Es ist ziemlich schwer und schwimmt nur träge näher an das Ufer heran. Dann habe ich es ganz fest und hole es aus dem Wasser. Was kann das sein? Vielleicht ist es nur Müll, vielleicht etwas Wertvolles, wer weiß? Mit klammen Fingern zupfe ich an dem Bündel herum. Ich versuche es zu öffnen, was nicht leicht ist. Dann beschliesse ich, mehr Kraft aufzubringen, reisse das schwere, nasse Tuch einfach auf. Mit Entsetzen blicke ich auf den weissen Körper eines Kindes. Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Ich lege das Bündel zitternd zwischen die Steine. Tränen schiessen in meine Augen. Laut keuche ich die kalte Luft aus meinen Lungen. Oh, nein! Angst, Wut und Verzweiflung überfluten ich. Nein, das kann nicht sein. Vorsichtig beuge ich mich über das Bündel. Doch. Das ist es. Ich blicke in die aufgerissenen Augen eines kleinen Kindes. Sein Blick ist starr, glanzlos - es ist tot. Schmerzhaft drückt sich mein Brustkorb zusammen. Mein Magen verkrampft. Nein, nicht heute! Das ist doch mein Tag. Soll es denn wirklich so sein, an meinem Tag?

Kraftlos lasse ich mich auf die Steine fallen. Nur das leise Plätschern des Flusses ist zu hören. Meine Hände zittern, und die Tränen brennen auf meinen Wangen. Es tut so weh. Alles tut so schrecklich weh. Was ist das den nur für eine Welt? Um Wievieles leichter macht dieses arme Kind mir meinen Tag, wenn der Schmerz und das Leid in meiner Brust die Sinnlosigkeit eines ganzen Lebens überdecken?
Langsam greife ich wieder an die Seite.
Meine klammen Finger umschliessen kaltes Eisen.
Langsam hebe ich auf, was ich mitgebracht habe.
Ein besonderer Tag ist das.
Langsam führe ich meinen Arm nach oben, bis ich die Kälte des Eisens an meinem Kopf spüre. Das kalte Wasser des Flusses schiebt sich sein Bett hinab und das erste Rot des Morgens erscheint fast schüchtern am Horizont.

Ein lauter Knall durchbricht die Stille am Fluß.

Ein paar Rabenkrähen erheben sich erschrocken aus den Ästen eines blattlosen Baumes.

 










Das Geschehen am Fluss





Mensch, was haben wir getan?





Weissheiten von Alexander Rossa



© Alexander Rossa 2010

Weltenfeuer - Patricia und die Druiden des Todes