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Sheila...
(© Alexander Rossa 2010)
Ich werde mich daran einfach nie gewöhnen.
Obwohl sie so ein liebes Wesen ist, kann ich es einfach nicht ertragen, in ihre Augen zu sehen. Ihre Blicke sind freundlich und wach, aber ebenso voller Vorwürfe und Verachtung. Dabei habe ich nur das getan, was viele andere Menschen bereits vor mir auch getan haben. Vielleicht bilde ich mir das auch alles nur ein. Dennoch denke ich immer wieder daran, wenn ich sie sehe.
Sie ist so eine Art Berufsversicherung für mich, eine Garantie für ein geschäftiges Leben als Schriftsteller und als sehender Mensch.
Aber vielleicht ist es das, was sie mir vorwirft.
Doch nein, sie kann es nicht ahnen - oder doch?
Es wäre schrecklich für mich, würde sie es wissen, oder auch nur ahnen.
Ich, der sie in den letzten Jahren so lieb gewonnen hat, würde fast alles für sie tun, um das Unvermeidliche zu vermeiden.
Sie sitzt da und blickt mich einfach nur an.
Ja, schön ist sie, wirklich ungewöhnlich schön, für einen Mischling.
Es wird noch einige Jahre dauern, bevor ich diese Augen wirklich brauchen werde, sagen die Ärzte. Es sollen schöne Jahre für sie werden.
Ich bemerke, wie sich ihre Nasenflügel bewegen.
Noch immer sehen ihre menschlichen Augen mich an.
Sie gehören einfach nicht dort in diesen Hundeschädel und wirken unnatürlich. Sie sind unnatürlich. Es ist immer so, als würde ich mich selbst ansehen, und doch ist es irgendwie auch ganz anders.
Aber warum ist es anders?
Es sind doch schließlich meine eigenen Augen.
Ich habe meine Gene und mein gutes Geld dafür gegeben.
Plötzlich bin ich besorgt.
Ich fluche leise vor mich hin.
Sie spitzt ihre Ohren und setzt sich auf.
"Ist gut, Sheila, ist ja gut.", beruhige ich uns beide.
Sie winselt leise und legt sich wieder in ihren Korb.
Sollte ich vielleicht dieses eine Prozent sein, bei denen es nicht mit den Genen klappt?
Ich beuge mich vor, um mir etwas von dem neuen Tee einzuschenken.
Er duftet prächtig.
Es wird schon alles richtig sein.
Immerhin habe ich Zertifikate.
Ich nippe etwas von dem heißen Tee.
Sie kuschelt in ihrem Korb und schaut mich wieder an.
Diese Typen werden sie töten, nachdem sie ihr die Augen entnommen haben.
So machen sie es immer, weil sie keine Tiere quälen wollen.
Sicher, es sind meine Augen, aber auch irgendwie ihre.
Damit habe ich ein Problem.
Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen, und sie ist schon fast mehr, als nur eine Freundin für mich. Immer wieder meine ich sogar, mit ihr sprechen zu können. Klingt irre. Aber vielleicht bin ich irre.
Es heißt, die Augen sind die Spiegel der Seele, und das ist bestimmt etwas Wahres dran. Es sind die Augen, über die wir uns verständigen.
Nicht nur so über die banalen Dinge des Tages.
Nein, wir tauschen regelrecht Emotionen aus, obwohl sie nur eine Mischlingshündin ist. Es liegt daran, dass es meine Augen sind, mit denen ich Blickkontakt halte.
Ich bin verwirrt. Habe ich mich in mich selbst verliebt, in meinen eigenen Blick?
Immer mehr spüre ich bei dem Blick in Sheilas Augen etwas, was mich zutiefst beunruhigt. Ich wage es nicht daran zu denken, aber es scheint fast so, als würde in diesem Hund ein Teil von meiner Seele, von meinem Ich, heranwachsen.
Immer wieder versuche ich vergeblich diese Gedanken wegzuwischen, weil sie mir absurd und unlogisch erscheinen.
Ich stehe auf und gehe zu Sheila.
Liebevoll streiche ich über ihr weiches Fell, und sie legt sich dabei allmählich auf den Rücken, um diese Behandlung noch besser genießen zu können.
Sie ist so ein liebes Tier.
Werde ich sie später überhaupt töten lassen können, nur um weiter mein Augenlicht zu behalten?
Ich hoffe nicht.
Beinahe wünsche ich mir schon, doch vor ihr sterben zu dürfen, um diese Wahl niemals treffen zu müssen.
Doch man erwartet es einfach von mir.
Ich habe schließlich einen Vertrag unterschrieben.
Sie werden meine Bücher nur verlegen, wenn ich dafür Sorge trage, dass meine kranken Augen, im Falle eines Totalausfalles, durch neue, ganz frische Augen ersetzt werden.
Das ist einer dieser typischen, neuen Körperteilparagraphen, von denen es in den heutigen Verträgen nur noch so wimmelt.
Das ist absurd.
Meine eigenen, kranken Augen gehören mir praktisch nicht mehr, sondern gehören meinem Arbeitgeber. Die gesunden Augen stecken im Kopf von Sheila, und eigentlich sind es ihre Augen, weil sie mit ihnen geboren worden ist. Doch faktisch und nach geltendem Recht gehören sie auch dem Arbeitgeber, der immerhin ihre Zeugung bezahlt hat.
Überall im Land gibt es inzwischen diese riesigen Aufzuchtfarmen mit den verschiedensten Tieren, die menschliche Gene in sich und menschliche Körperteile an sich tragen. Ich bin mir sicher, es ist nur noch eine Frage der Zeit, da sind überall und bei nahezu allen Wesen auf diesem Planeten menschliche Gene enthalten. Ich bin über die Vorstellung an dieses Szenario entsetzt und spüre eine unbändige Wut in mir aufkochen.
Doch Sheila leckt mir wieder sanft über die Hand und möchte wieder gestreichelt werden.
Irgendwie beneide ich sie jetzt, gerade in diesem Augenblick meiner kochenden Wut, um ihre tiefe innere Ruhe, die fast nichts wirklich stören kann. Was ist es nur, was sie derart stützt und was ihr diese sagenhafte Ruhe gibt? Sie ist ein Tier.
Da höre ich ein leichtes Pfeifen an den Fenstern.
Es ist windig draußen geworden, und der kühle Herbstwind sucht sich seinen Weg durch die Ritzen meiner alten Holzfenster.
Ich gehe zum Kamin und lege noch einen Scheit Holz nach.
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