Wortschwallstille Nebelgebirge Krasskonkret Weissheiten Fleischmütze Impressum Sachet ruich!
Sommerhof Juttas Brief Heinrich Zerbrochen Über ein Kind Sie und sie Sheila
ANDALANANGA - Texte über die man nicht sprechen mag... Über ein Kind
 
Nichts ist mehr zu verachten, als wenn Grausamkeit zum Alltag wird.
Nichts ist grausamer, als diesen Alltag bewusst erleben zu müssen.

 

Über ein Kind...
(© Alexander Rossa 2010)


Kaum verlasse ich das Haus, öden mich die faden, ausdruckslosen Gesichter meiner Mitmenschen an. Ich hasse sie, wie sie unbeteiligt und stumpf aus den verschmutzten Straßenbahnfenstern starren.
Nur das monotone Rattern der Bahn stört die bohrende Stille.

Wir halten.
Die Tür öffnet sich, und ein kalter Luftzug dringt ein.

Zwei junge Frauen steigen ein, setzen sich auf die beiden beschmierten Plätze vor mich.
Sie sind quälend laut, schnattern und stinken nach billigem Parfüm. Mir wird schlecht.
Ich ringe nach Luft.

Die Bahn fährt an.

Langsam siegt die warme Gebläseluft, im Kampf mit der Kälte.
Meine Zunge wird schwer.
Ich setze mich zurecht, um die Übelkeit abzuschütteln.
Es ist nur das laute Geplapper der beiden Frauen zu hören.
Sie unterhalten sich über süße Typen, geile Locations und über die Autos ihrer süßen Freunde.

Da ich nicht taub bin, höre ich zu.
Mir bleibt nichts anderes übrig.
Wie wohl auch alle anderen Fahrgäste zuhören müssen.
Die starren aber noch immer unbeteiligt aus den verdreckten Fenstern, als wären sie festgefroren.
Ich versuche aus einem alten Kaugummi, der vor mir auf dem schmuddeligen Boden klebt, die Zukunft zu lesen.
Die eine Frau vor mir, sie erzählt jetzt, das sie Es, sich gerade wegmachen liess.

Ich blicke auf.
Es?
Seltsam, mir ist sogleich klar, was sie mit "Es" meint.
Warum ist mir das klar?
Wäre es doch besser, wäre es mir nicht sogleich klar.

Sie erzählt, dass sie noch keinen Bock auf Kinder hat.
Es ging auch alles ganz schnell.
Die andere lacht und meint, dass sie das gut kennt.
Ihr Freund habe damals nicht einmal etwas von dem Es und dem "Wegmachen lassen" erfahren.

Ich bin entsetzt, schaue mich um.
Die faden Gesichter blicken noch immer unbeteiligt aus den Fenstern
Keines regt sich.

Die beiden Frauen lachen und scherzen weiter.

Die Bahn hält.

Da steht eine von ihnen auf und steigt aus.
Bei der nächsten Station muss ich auch aussteigen.
Die Türen schliessen sich wieder, und die Bahn fährt weiter.

Nun blickt auch die Frau vor mir aus dem Fenster.
Ich kann ihr Spiegelbild im Fenster genau erkennen.
Da sind ihre Augen. Sie sind deutlich zu sehen.
Sie spiegeln sich im schwachen Neonlicht der Bahn.
Sie sind feucht.
Ich kann es kaum fassen, aber es ist ganz eindeutig.
Eine kleine Träne läuft über ihre Wange.

Die Bahn hält erneut.

Ich stehe auf und gehe zur Tür, die sich bereits mit lautem Zischen öffnet.
Kaum bin ich draußen, schliesst sich der Wagen auch schon wieder.

Mir ist kalt.

Ich drehe mich um und sehe, wie sie sich entfernen.
Vielen dunkle Schatten hinter schmutzigen Fenstern.




© Alexander Rossa 2010


Weltenfeuer - Patricia und die Druiden des Todes